Selfie-Fotografie: Vom pädagogischen Nutzen des inszenierten, manipulierten und geposteten Selbstporträts

Ein Artikel von Oliver Spalt

Selfies sind ein Stück Internetkultur geworden. Vor ein paar Jahren waren sie noch ein Hype – eine Modewelle, von der man dachte, dass sie schnell wieder verschwinden würde. Aber tatsächlich hat sich das Zeigen eines inszenierten Selbstbildes inzwischen etabliert.

Selfie-Art, die Kunst der Selbstdarstellung, geht weit über ein einfaches Fotografieren mit der Handykamera hinaus. Ähnlich wie bei der klassischen Porträtfotografie gestalten die modernen Selbstporträt-FotografInnen ganz bewusst ihre Bilder: Sie nutzen Limitierungen des Smartphones wie das feste Weitwinkelobjektiv ganz bewusst zur Bildgestaltung. Sie beobachten sehr genau unterschiedliche Lichtverhältnisse und setzen diese gezielt ein, um eine bestimmte Stimmung und den gewünschten Look zu erzielen. Sie komponieren ihre Bilder, indem sie bewusst das Motiv zum Hintergrund in Beziehung setzen. Wenn man Michelle Phan in ihrem kurzen und einprägsamen Youtube Tutorial zusieht, mit welcher Aufmerksamkeit und Leichtigkeit sie ihr Selfie gestaltet, fragt man sich, wo der Unterschied zu Selbstporträts renommierter Fotokünstler besteht.

Gekonnte Selfie-Fotografie geht noch weiter. Nachdem das Foto gemacht wurde, wird es von vielen Selfie-Bloggern bearbeitet. Das inszenierte Selbstbild wird (wie bei den altehrwürdigen Malern) verfeinert, verfremdet und manipuliert. So werden Falten und Hautunschönheiten entfernt, Augen und andere Körperpartien vergrößert, Hälse und Beine gestreckt, Lippen gerötet und vieles mehr. Auch dies geschieht mit dem Smartphone und speziellen Apps wie InstaBeauty oder Facetune.

Das deutsche Youtube-Starlet Bella zeigt in ihrem Video, wie sie ihr Selbstbild bearbeitet.

Mit speziellen Filtern wird dem fertig bearbeiteten Bild noch ein besonderes Finish gegeben, um es schließlich über soziale Netzwerke oder Messenger zu verteilen.

Pädagogen rümpfen über diese Art der Selbstinszenierung gerne die Nase. Zu trivial, zu oberflächlich und zu egozentrisch. Selfie-Fotografie wird gerne als Selbstinszenierung meist sozial schwacher Jugendlicher abgetan. So gesehen verliert man das pädagogische Potential dieser Art der Fotografie aus dem Auge.

Die große Chance liegt zum einen darin, dass Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit dem Handy/Smartphone einen einfachen aber oft ausreichenden Fotoapparat zur Verfügung haben und oft hochmotiviert sind, Selbstporträts zu machen. Zum anderen lassen sich mit der Handy-Selfie-Fotografie viele wertvolle pädagogische Fragestellungen aufgreifen und bearbeiten. Als Beispiel seien hier nur Themen wie Identität, Selbstbild, Wunschbild, Fremdbild oder Körpergefühl und Selbstbewusstsein genannt. Ganz spielerisch können hier Medienkompetenzen etwa zu Bildrechten, Persönlichkeitsrechten und zur Motivgestaltung und Bildbearbeitung vermittelt werden. Und letztlich ist Selfie-Fotografie auch ein wichtiger Beitrag zur Ich-Stärkung und Persönlichkeitsbildung: Wer Fotos kreativ bearbeiten kann, erfährt sich als schaffend und stärkt seine Selbstwirksamkeit. Wer sich vor anderen gut darstellen kann, erfährt Bestärkung durch positive Feedbacks und erkennt gleichzeitig, dass so gut wie kein in der Öffentlichkeit präsentiertes Foto der Realität entspricht. So relativiert sich das Bild von Stars und Idolen und trägt zu einem normaleren Umgang mit dem eigenen normalen Aussehen bei.

Ganz nebenbei stellt sich der Selfie-Artist in eine Reihe mit bekannten Künstlern wie Rubens, Rembrandt, Frida Kahlo, van Gogh, Andy Warhol und vielen berühmten FotografInnen der Neuzeit. Und das ist doch auch was wert, oder etwa nicht?

R4vi-Selfie_Stick-wikimedia-cc-by-sa-2_0

Foto: R4vi: „Selfie_Stick“ – Quelle: wikimedia commons -Lizenz: cc-by-sa-2_0

„Sich selbst zu lieben ist ist der Beginn einer lebenslangen Romanze.“ (Oscar Wilde)